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Alles was man braucht...

Vorbereitung

Wie viele Dosen Fleisch und Gemüse, wie viele Nudelpackungen, wie viele Kilo Reis braucht man für sechs Leute um diese drei Monate zu versorgen, wie viele Batterien braucht man um die Stromversorgung für sechs GPS-Geräte dauerhaft sicher zu stellen, wie viele Meter Seil und Bindfaden und welche sonstigen Ausrüstungsgegenstände werden benötigt um ein Forschungscamp in der Tundra aufzubauen und zu unterhalten? Alles Fragen die sich uns am Anfang der bevorstehenden Expedition stellten und auf die Alexander, Olga, Sascha und Sonja, die russischen Teilnehmer der Reise, mit Ihrer einschlägigen Erfahrung in Sachen Expedition in die arktische Tundra eine Antwort wussten. In Nar`yan Mar, dem Ausgangspunkt der Tour, kauften wir so die Ausrüstung und Verpflegung für die nächsten Monate in der Tundra ein. Ein schwerer, russischer Helikopter lud uns dann nach einem 2-stündigen Flug im Zentrum der Insel Kolguev ab. Kaum waren die Rotorengeräusche des Hubschraubers verklungen, senkte sich eine unglaublich tiefe Stille und Ruhe über die Landschaft. Eine kleine Ansammlung von Holzhütten der Nenzen durften wir als Quartier nutzen, ein einfacher aber sehr willkommener Schutz vor dem oft eisigen und immer wehenden Wind. Mit ein paar einfachen Reparaturarbeiten richteten wir die sich teilweise in schlechtem Zustand befindlichen Hütten wieder her, deponierten unsere Vorräte und Ausrüstung in eine der Hütten und richteten uns häuslich ein. Von hier unternahmen wir erste Erkundungstouren und beobachteten die Ankunft der Gänse, Enten und Watvögel. Die Fortbewegung in den ersten Tagen fiel uns allen nicht leicht, jedoch gewöhnten wir uns mit jedem Tag mehr an die Watstiefel und den sumpfigen, moorig-weichen Boden. Glücklicherweise sanken wir aufgrund des Permafrostbodens mit unseren Watstiefeln nicht tiefer als bis zu den Waden ein.

Zwei kleine Schlauchboote auf einem schon flachen Fluss

Eine abenteuerliche Flussfahrt

Nach zwei Wochen der Eingewöhnung war der Schnee um das Basiscamp im Zentrum der Insel zu großen Teilen geschmolzen, überall verteilt in der Tundra begannen die Bless-, Saat- und Weißwangengänse zu brüten, langsam entfalteten die ersten Frühlingsboten wie das Stengellose Leimkraut und die Himmelleiter ihre Blüten und die ersten Kiebitzregenpfeifer begannen mit der Eiablage. Der Pegel des Peschanka Flusses sank täglich und die Strömung wurde weniger reißend, Zeit für einen Teil des Teams, bestehend aus Olga, Dirk und mir, die Sachen zu packen und die Reise 120 km flussabwärts zur Mündung des Peschanka aufzunehmen um hier eine weiteres Camp, das Deltacamp, zu errichten. Die Brutpaardichte des Kiebitzregenpfeifers ist in den Küstenregionen der arktischen Tundra deutlich höher als weiter im Landesinneren. Aus diesem Grund bietet sich das Gebiet der Peschankamündung besonders für Untersuchungen an dieser Limikolenart an.

Zelte, Ausrüstung, Kochgeschirr, Essen und jeweils ein Steuermann oder –frau, alles musste in die beiden kleinen Schlauchboote passen, die uns in das viele und weite Flussmäander entfernte Camp bringen sollten. Fünf Tage ruderen auf einem Fluss mit tückischen Untiefen und unberechenbaren Stromschnellen. Mehrmals strandeten unsere randvoll und schwer beladenen Boote im seichten Wasser, bis das steinige Flussbett schließlich mehrere Löcher in eines der Boote gerissen hatte. Nach drei Stunden intensiver Flickarbeit und Improvisation war das Schlauchboot wieder fit und brachte uns die letzten Flusskilometer sicher an unseren Zielort. Trotz aller Strapazen hielt der mystische Peschanka zahlreiche wundervolle Momente für uns bereit: riesige Kolonien von Weißwangengänsen an den Steilwänden des Flusses, jagende Wanderfalken, schwimmende Trupps von Prachteiderenten und Eisenten im leuchtenden Brutkleid. Ab und an kreuzte eine Rentierherde mit dunkelbraunem, sich teilweise noch unsicher auf staksischen Beinen bewegendem Nachwuchs unseren Weg.

Am 3. Tag der Reise überraschte uns ein heftiger Schneesturm, der die Füße und Hände der Paddelnden schnell zu Eis gefrieren ließ. An ein Weiterkommen war nicht zu denken. Nach dieser Zwangspause besserte sich das Wetter endlich und der Wind blies uns am 5. Tag die restlichen 35 Kilometer bis zu unserem Ziel, die Mündung des Flusses, die wir gegen Mitternacht endlich erreichten.
Voll Freude und Tatendrang wurde ein letztes Mal ausgeladen und die Zelte am Fluss aufgebaut. Eilig wurden aus herumliegenden Holzresten ein Tisch, Bänke und eine Vorrichtung für unsere Solarzellen zusammengezimmert und nach einer deftig zubereiteten Mahlzeit auf dem Gaskocher fielen wir glücklich und müde in unsere Schlafsäcke.

Das Camp für sieben Wochen

Das Deltacamp

Bereits in vergangenen Jahren campten im Bereich der Flussmündung mehrere Wissenschaftler für einige Wochen, um brutbiologische Untersuchungen an Bless- und Weißwangengänsen durchzuführen und die Avifauna dieses Gebietes zu untersuchen. Anhand der GPS-Koordinaten fanden wir den Platz des damaligen Camps und damit auch die Überreste der aus Treibholz zusammengenagelten „Inneneinrichtung“ des Küchenzeltes, wie zwei Sitzbänke und ein Regal die wir dankbar wieder verwendeten.

Das Camp unterhalb des Plateaus am Fuße des Flusses liegt in direkter Nachbarschaft zu einer Kolonie von Weißwangengänsen und es wimmelte nur so von Limikolen, Tauchern und Singvögeln, die uns Tag für Tag eine atemberaubende Geräuschkulisse boten.

 

Balzende Kampfläufer
Männchen der Spornammer
Eisfuchs
Rentiere am Peschanka
Kiebitzregenpfeifer Männchen
Weibchen

Kiebitzregenpfeifer

Der Kiebitzregenpfeifer brütet in der Tundraregion des nördlichen Polarkreises. Die Sommer sind hier sehr kurz und dauern nur wenige Wochen in denen es 24 Stunden am Tag hell ist. Alle hier brütenden Arten müssen sich mit der Brut und der Aufzucht der Jungen beeilen, um diese kurze warme Periode nutzen zu können. Alle Vogelarten, Gänse wie Taucher, Limikolen wie Singvögel, beginnen nahezu gleichzeitig mit der Brut. Somit hatten wir nach unserer Ankunft alle Hände voll zu tun. An der Küste im Bereich des Flussdeltas waren die Kiebitzregenpfeifer schon deutlich weiter mit dem Brutgeschäft voran geschritten als im Zentrum der Insel.
Die nächsten Tage verbrachten wir mit der Erkundung der Umgebung, der Erfassung der Kiebitzregenpfeiferpaare und der Aufnahme von Gänsenestern. Die Gelege der in der offnen Tundra in sehr flacher Vegetation, bestehend aus überwiegend Moosen und Flechten, brütenden Kiebitzregenpfeifer sind manchmal sehr schwer zu finden. Die vier Eier sind zur Vermeidung von Eierdieben wie Polarfuchs und Schmarotzerraubmöwe aufgrund ihrer olivgrünen Färbung und schwarzen Flecken sehr gut getarnt. In der Umgebung des Camps konnten wir 35 Reviere feststellen und fanden 21 Gelege.

Für die Erforschung der Zugwege, der Rast- und Überwinterungsgebiete des Kiebitzregenpfeifers sowie der Untersuchung möglicher Zusammenhänge und Ursachen für Bestandsveränderungen sollten einige Tiere mit kleinen, 1,5 g leichten Lichtloggern ausgestattet werden. Diese erfassen die Lichtintensität und ermitteln damit die Position des Vogels anhand der Tageslänge und der Sonnenauf- und Sonnenuntergangszeiten und zeichnen diese auf. Im nächsten Jahr müssen die Tiere dann wieder gefangen und die Daten ausgelesen werden. Der Fang der Kiebitzregenpfeifer gelang uns mittels Schlagfallen oder Prielfallen auf dem Nest. Der Logger wird an einem Bein des Vogels mittels eines Ringes befestigt. Zusätzlich bekommt der Vogel eine individuelle Kombination aus verschiedenen Farbringen, damit er im nächsten Jahr wieder gefunden und gefangen werden kann.
Neben der Markierung der Vögel wurde der Bruterfolg, verschiedene Habitat- und Vegetationsparameter sowie die Nahrungsverfügbarkeit erfasst.

Nach einem anstrengenden Tag im Feld standen alltägliche Dinge wie das Waschen der Wäsche im eiskalten Fluss, das Ausbringen des Fischernetzes, Essen kochen, Kontaktaufnahme mit dem Hauptcamp per Funkgerät, Leeren der Insektenfallen und natürlich die Zubereitung des Abendessens auf dem Plan.

 

Kiebitzregenpfeifer
Temminkstrandläufer

Das große Schlüpfen

Anfang Juli kam Leben in die offenen Weiten der Tundralandschaft. Es schlüpften die ersten Küken der Weißwangengänse und auch einige Blässgansgelege gaben schon die ersten Piepslaute von sich. Eine Woche später wuselten in der ganzen Tundra und sogar um unsere Zelte hunderte kleine Gänsekücken, junge Alpen-, Zwerg- und Temmikstrandläufer und fast flügge Jungvögel der Spornammer und des Rotsternigen Blaukehlchens. Auch am Fuchsbau auf der anderen Seite des Plateaus räkelte sich neues Leben. Vier kleine Polarfüchse spielten von nun an fast jeden Tag auf dem Sandhügel vor dem Bau und kamen neugierig näher, wenn man ab und an zu Besuch kam. Für die frisch geschlüpften Kücken begann nun ein täglicher Kampf ums Überleben, da Polarfuchs, zahlreiche Eismöwen und Schmarotzerraubmöwen ihnen überall auflauerten und sich an dem reich gedeckten Tisch erfreuten.

Schließlich kamen die erhofften sonnigen, warmen Tage und wir konnten endlich die dicken Pullover ablegen. Die Tundra zeigte sich nun in einer wunderschönen farbenfrohen Blütenpracht, weiße Teppiche von blühenden Moltebeeren überzogen die Hügelketten und die Sumpfdotterblumen färbten die Bachtäler intensiv gelb. Doch mit den warmen Tagen kamen auch die Mückenschwärme und gerade an windstillen Tagen wünschte man sich insgeheim wieder den kühlen Nordwind herbei.

 

Das Delta-Camp Team: Dirk Hattermann, Olga Pokrovskaya, Franzika Hillig

Rückkehr zum zentralen Camp

Da das Brot, welches wir aus dem Basis Camp mitgenommen hatten, langsam knapp wurde und der Wunsch nach einer warmen Dusche groß war, entschlossen wir uns, der russischen Ölbohrstation auf der anderen Seite des Deltas einen Besuch abzustatten. Der halbe Tagesmarsch hat sich gelohnt. Die Freude über die fremden Menschen in der weiten, einsamen Tundra war auf beiden Seiten groß. Geschichten wurden erzählt und Erlebnisse ausgetauscht. Frisch geduscht und noch warmes Brot im Gepäck traten wir den Rückweg in unser kleines Camp an.

Nach vier aufregenden und erfolgreichen Wochen an der Mündung des Peschanka packten wir unsere Sachen und traten die Rückreise zum Hauptcamp, diesmal auf dem Landweg, an.