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Satellitentelemetrie von Blessgänsen Anser alb. albifrons auf dem Frühjahrszug 2006 und 2007

erschienen in: Die Vogelwarte 45 (2007): 330-331
von Helmut Kruckenberg, Gerhard Müskens & Barwolt S. Ebbinge

Einleitung

Blessgänse brüten in einem großen Areal der russischen und sibirischen Arktis zwischen der Kanin-Halbinsel und dem Chatanga-Fluss im Osten der Taimyr-Halbinsel. Ihre Überwinterungsgebiete liegen zwischen den großen Seen Kasachstans und der Ostküste Englands. Der überwiegende Teil der Blessgänse überwintert vermutlich in West- und Mitteleuropa (Mooij et al. 1999, Delany & Scott 2006).
In den letzten Jahren untersuchten wir die Verteilung und individuelle Bewegungsmuster von Blessgänsen in ihrem Wintergebiet mit Hilfe von codierten Halsmanschetten, die mit einem Spektiv im Feld abgelesen werden können. Mehr als 2000 freiwillige Gänsebeobachter beteiligten sich am Projekt (vgl. Kruckenberg 2002). Angesichts der Diskussion um die Vogelgrippe wurden die geringe Detailskenntnis des Zugverhaltens wie der Zugwege bis in die Brutgebiete deutlich und eine Vorstudie begonnen, die die Möglichkeiten der Besenderung erproben und erste Ergebnisse liefern sollte.

 

Methodik

Im Rahmen einer Vorstudie wurde es möglich, 2006 fünf, 2007 14 Ganter mit Microwave GPS Solar Satellitensendern auszustatten. Die Gänse wurden in den Niederlanden durch Gänsefänger gefangen (vgl. Ebbinge 2000) und mit Microwave PTT-100 GPS Solar Sender (45g) und einem Tragegeschirr aus Leder oder Nylon ausgestattet. Die Sender ´wurden so programmiert, dass sie während der hellen Tagesstunden alle 2 bzw. 3 Stunden die Position erfassen und speichern und diese dann alle 2 Tage über den ARGOS Satelliten absenden. Die Daten werden auf einem Server mittels einer Pearl-basierten Software automatisch bearbeitet und im Internet auf MapGoogle-Karten dargestellt (Fischhase 2006). Für die Auswertung wurde ein Erweiterung für ArcView 3.2 benutzt (Jeness 2000), um die Zugrouten kartografisch darzustellen und die Routenlängen zu kalkulieren.

Zugwege der besenderten Blessgänse in 2006 (oben) und 2007 (unten) (klick zum Vergrößern)

Ergebnisse

In beiden Jahren zogen Ende März die Gänse aus den Niederlanden östwärts, flogen durch Ostdeutschland und Polen und erreichten das Nemounas Delta (Litauen) Anfang April. Von hier aus flog ein Teil der Vögel durch die Baltischen Staaten, ein anderer Teil zog zunächst nach Osten über Weißrussland und einer sogar über die Ukraine, um dann nach Norden abzudrehen. Der größte Teil der besenderten Vögel hielt sich lange Zeit im Baltikum auf, um dann non-stop unter weitgehender Vermeidung der Frühjahrsjagd in Russland hoch in den Norden zu fliegen. Hier nutzten als weiteres bedeutsames Zwischenrastgebiet alle Vögel dann Mitte bis Ende Mai die Kanin-Halbinsel oder die angrenzende Malazemelskayatundra als letzten großen Zwischenrastplatz, bevor sie in die Brutgebiete weiterzogen.
In einigen Fällen weisen die Ortungsdaten darauf hin, dass die Vögel ihre angestammten Brutreviere erreichten und dort mit der Brut begonnen. So zogen von den neun in 2007 markierten Vögeln, die die Arktis erreichten, vier nach Kolguyev, einer nach Yamal, ein Vogel an die Westküste der Kara-See und einer nach Novoya Zemlya. Nur ein Vogel aus 2006 erreichte die Arktis und versuchte offenbar auf Yamal zu brüten, zog aber dann Ende Juni weiter nach Taimyr, wo er mauserte. Dies ist ein bekannter Mauserplatz, wo sich jährlich bis zu 200.000 Blessgänse einfinden. In 2007 zog mindestens eine Gans zum Mausern nach Taimyr (Psygasina-River) und ein weiterer Vogel nach Novoya Zemlya.
Die zurückgelegten Strecken zwischen Auflassung und dem 15.6. (Ende des Frühjahrszuges) betrugen in 2006 3960km (geschossen bei Archangelsk), 3990km (geschossen bei Mezen) und 5820km (bis Yamal), in 2007 9330km, 5820km und 5460km (alle Kolguev), 5220km (Kara-See), 5150km (Novoya Zemlya), 5640km (Yamal). Die Unterschiede erklären sich einerseits in der individuell gewählten Zugroute und Raumnutzung in der verschiedenen Zwischenrastgebieten, andererseits durch unterschiedlich viele Messungen des Vogels, da abhängig von Aufenthaltsgebiet und Witterung die solarbetriebenen Sender nicht jede Position erfassen konnten.
Zahlreiche Sendervögel gingen durch Abschuß verloren. 2006 wurden 2 von 5 Vögel sicher abgeschossen. In 2007 möglicherweise mehr als 3 von 12. Jagd stellt des bedeutsamsten Mortalitätsfaktor bei Blessgänsen dar (Mooij 2005). Die Frühjahrsjagd wirkt dabei besonders gravierend (Jefferies & Drent 2006, Bergmann et al. 2006).

Live im Internet

Die Reise der Gänse kann auch live im Internet verfolgt werden: www.blessgans.de/. Auch in 2008 sollen erneut Vögel mit Sendern ausgestattet werden.

Dank

Wir danken dem VsK Vogelschutz-Komitee e.V. (Hamburg) und dem niederländischen Institut ALTERRA für die finanzielle Unterstützung des Projektes.

Zitierte Literatur

Bergmann H-H Kruckenberg H Wille V 2006: Wilde Gänse * Reisende zwischen Wildnis und Weideland. G. Braun Verlag, Karlsruhe.Mehr Informationen hier
Delany R & Scott P 2006: Waterbird population estimates 4th ed. Wetlands International Publications, Wageningen.
Ebbinge BS 2000: ganzenvangen voor de wetenshap. Alterra rapport 155, Wageningen.
Fischhase 2006: Parsing Software for GPS Geotracking “blessgans.de”, Hannover
Jefferies RL & Drent RH 2006: Arctic Geese, migratory connectivity and agricultural change: calling the corcerer apprentice to order. Ardea 94: 537-554.
Jeness J 2000: Whitefronted Goose extension tool for ArcView 3.2
Kruckenberg H 2000: Muster der Raumnutzung markierter Blessgänse (Anser alb. albifrons) in West- und Mitteleuropa unter Berücksichtigung sozialer Aspekte. Dissertation a.d. Universität Osnabrück PDF here
Madsen J Cracknell G Fox AD (Hrsg.)1999: Goose Populations of the Western Palearctic. Wetlands International Publ.48, Wageningen.
Mooij JH 2005: Protection and use of waterbirds in the European Union. Beitr. Jagd- und Wildforschung: 49-76.
Mooij JH Faragó S Kirby JS 1999: White-fronted Goose Anser albifrons albifrons. In: Madsen J, Cracknell G, Fox AD (Hrsg.): Goose Populations of the Western Palearctic. – Wetlands International Publ.48, Wageningen.