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Zu Beginn der Expedition besteht das Team nur aus drei Personen
Im Vorjahr brüteten die Gänse auch in den Bergen. Wir wollen nachsehen, ob das in jedem Jahr so ist.

Rückkehr ins Kinderzimmer der Wildgänse

Von Mai bis August 2007 kehrt das internationale Team der Gänseexperten zu weiteren Forschungen auf die Eismeerinsel Kolguev zurück. Hier brüten die Bless- und Saatgänse in hoher Konzentration. Es ist vielleicht das bedeutsamste Brutgebiet für unsere Wintergäste. Von der Barentsee umschlossen, 90km vor der nordrussischen Küsten und fast unbesiedelt bietet Kolguev ein Eldorado für die Gänse. Das Wetter im Sommer gleicht den Bedingungen, die die Gänse in Mittel- und Westeuropa zwischen November und März vorfinden: kühl, windig, mit Regen und manchmal sogar Schnee. Für die Gänse bietet die Arktis große Vorteile: hier wächst stetig junges Frühlingsgras, das besonders proteinreich ist. Zudem ist es 24 Stunden lang hell. Die Gänseküken können so später rund um die Uhr fressen. Nur so ist es für die Gänse möglich, ihren Nachwuchs vor Beginn des arktischen Winters Ende September großzuziehen, ihr Gefieder zu erneuern und ausreichend Fettreserven für den 3500km weiten Flug nach Westeuropa anzufressen.

Bereits im Vorsommer hatten sie den Ostteil der Insel erkundet. Mehr als 15 Jahren lang hat es keine vogelkundlichen Beobachtungen mehr von dieser wichtigen Brutstätte gegeben. Auf der Insel gibt es weder Wege noch Straßen. Um die Insel mit ihren verschiedenen Lebensräumen zu erforschen, müssen die Spezialisten alle Strecken zu Fuß durch die Tundra wandern. So ist eine flächendeckende Exkundung dieser 4000km² großen Insel (etwa die Hälfte Belgiens) in einem Sommer nicht möglich.
Nach dem Osten der Insel steht im Sommer 2007 das Zentrum der Insel im Vordergrund. Hier ist der Küsteneinfluss auf Tier- und Pflanzenwelt geringer. Moore und Sümpfe sowie trockene Tundrenbereiche dominieren. Wo hier die Wildgänse brüten und welchen Erfolg sie hier haben, soll erforscht werden. Die diesjährige Forschungsexpedition begann am 20. Mai - zu dem Zeitpunkt also als die Gänse in ihren Brutrevieren ankamen. Bis zum 20. August werden die Gänseforscher in dem Brutgebiet bleiben und mehr über die Sommerbiologie der Gänse erforschen. Von dort bringen sie dann ihre Beobachtungs- und Meßergebnisse mit, die in den nachfolgenden Wochen und z.T. Monaten ausgewertet werden müssen. Zweimal werden Mitglieder des Teams ausgetauscht. Auf sie warten andere Aufgaben zuhause in Russland, Deutschland und Finnland.
Wir haben die Teilnehmer der Expedition gebeten, nach ihrer Rückkehr einen Erlebnisbericht zu schreiben, der Ihnen die Möglichkeit bietet, sich über die Wildgänse in der kalten Arktis, bemerkenswerte Erlebnisse und das Leben im Forschercamp zu informieren. Später werden wir dann auch die Ergebnisse der Forscher an dieser Stelle präsentieren.

Die Forschungsexpedition nach Kolguev wird vom Vogelschutz-Komitee e.V. (VsK) finanziert

Erlebnisbericht 1. Teil: 20.5. - 24.6.2007

Dr. Helmut Kruckenberg flog zusammen mit den Gänsen Mitte Mai in das Brutgebiet und kehrte Ende Juni zurück. Lesen Sie hier seinen Erlebnisbericht des ersten Expeditionsteils.

Für zwei Sommercamps muss der Helikopter Ausrüstung und Verpflegung transportieren

24.5. - Start in den Norden

In den letzten Tagen mußte viel organisiert werden. Wir sind von St. Petersburg über Archangelsk nach Nayarn-Mar am Pechora-Fluss geflogen. Hier treffen wir auf die Gänseforscher aus Moskau und Groningen, die sich mit uns auf den Weg machen wollen. Wir teilen uns den Hubschrauberflug von Nayarn-Mar bis Tobseda, wo das Team um Konstantin Litvin mit seinen Studenten sowie Prof. Rudi Drent aus Groningen ihre Forschungen an Nonnengänsen auch 2007 wieder durchführen.
Doch bis dahin mußte noch der größte Teil der Verpflegung für die kommenden drei Monate eingekauft werden. Dies ist in Russland ein aufwendiges Unterfangen, muss man doch durch die vielen kleinen Geschäfte wandern, Angebot und Preise vergleichen und im Ende auch die gewünschten Mengen bekommen. Nüsse und Trockenobst waren in diesem Jahr nicht zu bekommen.

Tief verschneit liegen die Häuser von Tobseda

Zwischenstopp in Tobseda

Seit mehr als sechs Jahren forschen die Kollegen aus Groningen und Moskau in einer Nonnenganskolonie an der Festlandsküste an der Kolkovaya Bay. Dort liegt das verlassene Fischerdorf Tobseda. Hier haben die Gänseforscher eines der Häuser für ihre Zwecke eingerichtet. Tobseda liegt auf dem Weg nach Kolguev, so dass es möglich ist, den Flug gemeinsam zu nutzen und die Kosten zu teilen.
Bei unserer Landung liegt Tobseda noch tief verschneit da. Nur kurz landet der Hubschrauber, die Ausrüstung wird ausgeladen und nach einer kurzen Pause geht es dann weiter. Fünf Forscher (vier aus Moskau und einer aus Groningen) sowie ein großer Hund bleiben in Tobseda zurück.

Erste Eindrücke von Kolguev

Nur kurze Zeit bleibt der Hubschrauber am Boden

Am Ziel: Ambarny Creek Area

Nach gut 50min Flug über die Barentsee kommt Kolguev in Sicht. Der Helikopter überfliegt zunächst große Wattflächen eines Haffs an der Mündung des Pechanka-Flusses bevor er über die ausgedehnten Tundren fliegt. Den Platz für das neue Camp hatte Alexander Kondratyev schon vor Monaten auf dem Satellitenbild ausgesucht. Der Hubschrauber kennt die Koordinanten und fliegt das Tal an. Zweimal kreist er über dem Tal, um sich über die Bodenverhältnisse zu informieren, dann landet er am westlichen Rand. Es ist 17:10. Alle fassen mit an und das Gepäck von insgesamt 1,5t Gewicht ist bald ausgeladen und auf einem Stapel zusammengepackt. Das Kolguev-Team muss sich auf die Kisten legen, damit beim Abflug des Helikopters nicht alles in der Tundra verteilt wird. Als der Hubschrauber am Himmel entschwindet ist es 17:45.

Die russischen Zelte hielten Wind und Wetter stand

25.5.: Man richtet sich ein...

Noch am Abend des 24.Mai stand eine Menge Arbeit an. Es mußte der endgültige Platz für das Camp ausgesucht werden. Wir entschieden uns - wie bereits auf dem Satellitenbild geplant - für eine kleine, sandige Anhöhe an eine kleinen Bachlauf, zwischen dem Pechanka-Fluss und einem See. Ein kleines Problem stand uns aber für die kommende Tage bevor. Der Hubschrauber war knapp 800m vom Lagerplatz entfernt gelandet und die gesamte Ausrüstung mußte also hinübergetragen werden. Zwischen dem Landeplatz und dem Camp lagen zwei kleinere Bäche, reichlich buckelige Tundra und zwei flache Seggenmoore. Doch noch am Abend des 24.5. konnten wir das erste Zelt aufstellen, so dass wir eine Unterkunft für die erste Nacht hatten.
Noch bis zum Abend des 26.Mai dauerte es, bis wir alle wichtigen Ausrüstungsgegenstände zum Campplatz transportiert hatten. Wir errichteten wir dann auch das große Wohnzelt, ein Lagerzelt für Verpflegung und Technik, ein kleines Zelt für die wissenschaftliche Ausrüstung sowie zwei Schlafzelte und ein Zelt für die Bio-Toilette.

Auf langen Wanderungen wird das Zentrum Kolguevs erforscht

Wir erkunden das Zentrum der Insel

Der erste Teil der Expedition dient der Erkundung des Zentralgebietes der Insel: welche Habitate finden sich wo, wie sind sie gestaltet und wieweit sind diese bereits schneefrei. Im Gegensatz zum östlichen Bereich der Insel findet sich im Zentralgebiet der klassische glaziale Aufbau von Endmoräne mit Hügeln und Seen, Grundmoräne mit Tundren und Mooren sowie das Urstromtal des Pechanka mit Sümpfen - so wie die Eiszeit auch Norddeutschland geformt hat. Durch die arktische Lage Kolguevs finden wir hier jedoch in eine Zeit zurückversetzt, die in Mitteleuropa schon mehr als 8000 Jahre zurückliegt.
Alle diese geologischen Formationen behergen typische Habitate. Für die weiteren Forschungen ist es wichtig, hier die Verteilung und ungefähre Brutdichte der arktischen Vogelarten zu bestimmen, um später mit computergestützten Verfahren Hochrechnungen der Vogelzahlen durchführen zu können.
Natürlich gilt es auf den Wanderungen auch ganz alltagspraktische Dinge zu erkunden: wo kann man in zwei bis drei Wochen vielleicht den großen Fluss ohne Boot überqueren, wo finden wir ausreichend große einheitliche Habitate, um unsere Untersuchungsflächen einzurichten usw. Und eine ganz wichtige Frage: wann entdecken wir das erste Nest?

Nonnenganspaare suchen Nahrung und Brutplatz

Alle drei Gänsearten

Bless- und Saatgänse brüten einzeln in der Tundra verteilt. Nonnengänse dagegen sind Koloniebrüter und haben Kolguev erst von 20 Jahren besiedelt. Sie brüten in 5-6 großen Kolonien an der Ost- und Südküste. Für das Zentrum der Insel hatten alle Experten ein Brutvorkommen bislang nahezu ausgeschlossen. Dennoch fanden wir alle drei Arten rastend in großer Zahl bei unseren ersten Erkundungstouren. Bereits zu Beginn der Brutzeit werden aber auch die Unterschiede zwischen den Arten deutlich. Die Nonnengänse können aufgrund ihrer Schnabelform nicht im aufgetauten Boden nach Wurzelknollen oder den erhalteten grünen Stielen der Seggen wühlen. Daher suchen sie an den steilen Flusshängen und auf den gerade von Eis und Schnee freigegeben Bereichen nach den ersten Trieben. Bless- und Saatgänse versammeln sich dagegen in den sumpfigen Bereichen der Seggenmoore und Sumpfgebiete am Pechanka.

Durchzug der prachtvollen Streithähne

Kampfläufer sind als Brutvögel in Mitteleuropa heute nahezu ausgestorben. Einzig im Herbst und Frühjahr kann man sie bei uns noch als Gastvögel bewundern. Während das Weibchen einheitlich grau-braun und unscheinbar ist, glänzen die Männchen eine prachtvolle Halskrause. Gemeinsam in kleinen Gruppen balzen die Männchen um die Gunst der Weibchen. In Schaukämpfen zeigen sie ihre ganze Pracht, bedrohen sich gegenseitig mit aufgestellter Krause. Kampfläufermännchen unterscheiden sich fast individuell in ihrer Gefiederpracht. Die Grundfärbung (hell oder dunkel) legt aber ihre Funktion in der Balzarena fest: helle Männchen balzen im Zentrum, dunkle stellen die "Satelliten" dar, die am Rande ihre Chance suchen. Diese Männchen allerdings ziehen auch häufig mit den Weibchen mit und buhlen bereits auf dem Weg in die Norden um ihre Gunst.

Beginn der Studien

Ein Pärchen Blessgänse kreist über ihrem Revier
Die meisten Beobachtungen werden mit dem Fernglas durchgeführt

Mit den ersten Nestfunden beginnt ein wichtiger Teil der Forschungen. Auch in diesem Jahr soll die Brutdichte der Gänse bestimmt werden, ihre Habitatpräferenzen erkunden und Lege- sowie Schlupftermin errechnet werden. Dazu werden vorher abgesteckten Untersuchungsflächen von etwa 1/4 km² Größe genau nach Nestern abgesucht, die Nester werden im GPS gespeichert, ihre Lage, das Bruthabitat, die Entfernung zum Wasser und die Höhenlage bestimmt. Die Eier werden numeriert, vermessen und gewogen, denn so lässt sich das Legedatum zurückrechnen. Den Eiern entsteht dabei kein Schaden. Um negative Effekte durch die Untersuchungen zu vermeiden, werden die Untersuchungsflächen in den nachfolgenden Wochen nicht wieder betretehn.
Ende Juni werden alle Nester nochmals aufgesucht. Anhang der Eihüllen kann man dann ersehen, ob das Nest erfolgreich geschlüpft oder die Eier vorher geraubt wurden. Anhang der Nummern auf den Schalen lässt sich zudem ersehen, ob alle Eier geschlüpft sind. So lässt sich der Schlupferfolg jedes Gänsepaares errechnen.

In den besonders herausragenden Bereichen entlang des Pechanka-Flusses fanden wir auch in diesem Jahr Brutdichten von 25-36 Paaren /km² (Blessgans) und 5-11 Paare /km² (Saatgans). Allerdings sind im Gegensatz zum Vorjahr die flussfernen Bereiche wenig (bzw. spät) besiedelt, so dass die Zahl der Brutpaare in 2007 deutlich geringer ausfallen wird als in 2006. Auch die Eizahl pro Gelege und der Schlupftag sind unterschiedlich (Hauptschlupftag 3.6. in 2006, 9.6. in 2007).
Um die Brutdichten der Nonnengänse zu bestimmen, muss man andere Wege gehen. Die Nonnengänse brüten in kleinen Kolonien in den steilen Abbruchkanten des Pechanka. Zumeist versammeln sie sich dort im Schutz eines Raufussbussard- oder Wanderfalkenhorstes. Diese Greifvögel sind nicht an den Gelegen der Gänse interessieren, verteidigen aber einen großen Bereich um ihren Horst gegen Rot- und Polarfuchs. Ein optimaler Schutz für die kleinen Nonnengänse.
Auf speziellen Wanderungen entlang der Klippen des Pechanka sowie mit dem Gummiboot über das Wasser wurden die Kolonien der Nonnengänse kartiert und später die genaue Zahl nistender Gänse ermittelt. Insgesamt fanden wir entlang der 14 Flusskilometer 5 Horste von Raufussbussarden und drei Wanderfalkennester; an sechs Horsten hatten sich Nonnengänse ebenfalls zum Nisten eingefunden (40 Nester).
In den kommenden Wochen werden spezielle Exkursionen folgen, um auch bei den Nonnengänsen Schlupf- und Legezeitpunkt zu bestimmen.

In Bewegung bleiben - Arbeiten in der Arktis

Halsmanschetten sind auf viele hundert Meter ablesbar

Für viele Fragestellungen der Brutbiologie und der Zugvogelforschung ist es sehr wichtig, Tiere individuell erkennen zu können. Uns Menschen ist es - im Gegensatz zu den Gänsen - nicht gegeben, die Gänse an ihrer Stimme aus tausenden anderer Gänse wiederfinden zu können. Aus diesem Grund müssen wir für unsere speziellen Untersuchungen die Vögel markieren. Hier hat sich die Markierung mittels Halsmanschetten aus PVC als erfolgreiche und schonende Möglichkeit erwiesen. Während der ersten, wichtigen Phase der Brutvorbereitung konnten wir zwei Gänse fangen und markieren. Das Weibchen (VEA black) und ein weiterer Ganter (VEB black) wurden Anfang Juni gefangen. Während das Männchen offenbar kein lokaler Vogel war, konnte VEA black später mit einem Nest in der Nähe des Camps gefunden werden.

Auch bei Schnee und Frost werden die Gänse beobachtet

Fester Bestandteil einer jeden Expedition in die Brutgebiete der Wildgänse sind Verhaltensbeobachtungen. Dabei stehen in der Brutvorbereitung Fragen nach der Nahrungsaufnahme ebenso wie Fragen nach der Rangordnung sowie der körperlichen Kondition der Vogel im Brennpunkt des Interesses. Verhaltensbeobachtungen werden mit stark vergrößerenden Fernrohren direkt vom Camp oder aus Tarnzelten durchgeführt.

Kalte Temperaturen und Schneelage verzögern den Brutbeginn der Gänse

Brutgeschäft und Witterung

Im Gegensatz zum Frühjahr 2006 ist dieser Frühling kalt und schneereich. Nach ihrer Ankunft im Brutgebiet nutzen die Blessgänse die ersten Tage Seggenwurzeln, um ihre Fettreserven aufzufüllen bevor das anstrengende Brutgeschäft beginnt. Doch diesmal wollte es nicht wirklich Frühjahr werden und so konnten die Gänse ihre Reserven nicht ergänzen. So saßen die Gänse lange in ihren Revieren ohne mit der Eiablage zu beginnen. Für die Gänse ist das ein schlechtes Jahr: ein später Legebeginn bedeutet geringe Chancen für eine erfolgreiche Aufzucht. Frühe Gelege bestehen aus vielen Eiern, späte Gelege sind kleiner. Für die Freßfeinde der Gänse sind solche Jahre gut: während in warmen Frühjahren wie etwa 2006 im gesamten Gebiet die Küken innerhalb von 5 Tagen schlüpfen und dann für kurze Zeit sehr viele Junge überall sind, verteilt sich das Beuteangebot nach dem kalten Frühjahr. An besonders geeigneten Stellen beginnen die Gänse bereits Ende Mai mit der Eiablage, an kalten, ungeschützten Brutplätzen erst Mitte Juni. Der "Massenschlupf" bleibt aus und Prädation wirkt daher stärker auf Nester und Gänsefamilien.
Nach kalten Frühjahren ist die Zahl der jungen Gänse geringer als in warmen Frühjahren.

Gut getarnt drückt sich die Gans auf dem Nest

Dabei unterscheidet sich der Brutbeginn auf Kolguev deutlich zwischen den verschiedenen Habitaten. Während entlang des Pechanka die Gänse etwa zum gleichen Termin wie im Vorjahr mit der Brut begannen, verzögerte sich der Brutbeginn besonders in den Gebieten der höhergelegenen Tundren und vor allen Dingen im Gebiet der Schmelzwasserseen, die im Hügellang der Endmoräne gelegen sind und bis zu 120m hoch liegen.
Die für die Brut wichtigen Seggenmoore waren hier noch bis Mitte Juni teilweise flächendeckend gefroren. Die Blessgänse mußten weit herumfliegen, um ihren Energiebedarf zu decken und viele verloren soviel ihrer Kondition, dass schon deshalb eine erfolgreiche Brut undenkbar erscheint. Dennoch begannen zahlreiche Paare noch nach dem 15.6. mit der Bebrütung ihrer Gelege in den höhergelegenen Tundren.

Eiskanäle können zur gefährlichen Falle werden

Gefährliche Eisformationen

In den engen Bachtälern liegt teilweise mehrere Meter hoch der Schnee, den der strenge Wind von den Tundren hier abgelagert hat. Beginnt der Schnee zu Schmelzen kann das Wasser tiefe Eiskanäle in den Schneebrettern ausspülen. Diese können offen sein und dem Wanderer den Weg versperren, da sie unüberwindbare Schluchten über dem Bachbett bilden. Sie können aber auch unter dem Schnee verlaufen und zu gefährlichen Fallgruben werden. Beim Überqueren der verschneiten Bachtäler ist daher immer höchste Vorsicht geboten. Dennoch bilden sich faszinierende Formationen aus Eis, Schnee und eingewehtem Sand. Einige Eiskanäle kann man sogar begehen.

Das Saatgansnest wurde über Nacht eingeschneit

Gänse lieben den ewigen Vorfrühling

Das Wetter auf Kolguev gleicht den Witterungsbedingungen, die die Gänse bei uns im Winter antreffen. Es herrschten Temperaturen zwischen -2° und 12°C, es schneit, regnet und vor allen Dingen stürmt es heftig auf Kolguev. Windstärken zwischen 8 - 14 m/sec sind normal, in Spitzen kann es auch sogar 19 m/sec werden. Inmitten der Barentsee gelegen, wechselt das Wetter auf Kolguev teilweise sogar mehrmals am Tag. Der Wind dreht häufig und besonders das gute Wetter ist höchst unzuverlässig.
Im Vergleich zum Vorjahr 2006 war das Wetter in der ersten Phase der Expedition kälter, zudem schneite es weit häufiger. Einige Tage blieb der Neuschnee sogar liegen. Dadurch verzögerte sich auch das Brutgeschäft der Gänse, denn diese legen ihre Eier erst, wenn die Temperaturen über 0°C steigen.
So unsicher und rau das Wetter auf Kolguev auch sein mag: für Tier und den Menschen hat dies auch enorme Vorteile: Mücken werden auf Kolguev nur ganz selten zu einer Plage. Und dies hält dann nur für wenige Stunden an bis sich das Wetter wieder ändert. Der Einfluss der Mücken auf die Tierwelt am Festland ist stark: die Rentiere von Kolguev sind größer und schwerer, weil ihnen der stete Streß durch die Blutsauger erspart bleibt. Vögel leider ebenfalls stark unter Mücken und so könnte dies ein weiterer wichtiger Grund für die einzigartige Brutdichte auf Kolguev sein.
Ein automatischer Datenschreiber zeichnet die Temperaturen (rot) und Luftfeuchtigkeit (blau) im Camp alle 2 Minuten auf.

Temperaturverlauf im 1. Projektzeitraum

Hier sehen den Verlauf von Temperatur und Luftfeuchtigkeit im 1. Projektzeitraum 25.5. - 20.6.
Hier wurde Trinus am 16.6. geortet (Foto vom 19.6.)
Mitte Juni sammelten bereits die erfolglosen Paare zu Nichtbrütertrupps

Suche nach Trinus

Über das Satellitentelefon kam die aufregende Nachricht: vier der Blessgänse mit den Satellitensendern sind auf Kolguev gelandet, zwei davon halten sich nach den Koordinaten in der Umgebung des Forschungscamps auf. Eine Überprüfung der Koordinaten ergibt, dass es sich um eine Entfernung von 6-10km Luftlinie zu Folkert und Trinus handelt. Nach unserer ersten Überprüfung der Schmelzwasserseen am 9.Juni brechen wir am 19.Juni nochmals auf. Diesmal ist die letzte Position von Trinus (16.6.) unser Ziel. Wir wollen sehen, wo der Vogel sich aufhält und ihn vielleicht sogar selbst beobachten.
So rüsten wir uns am frühen Morgen zu einer langen Tageswanderung. Wir wandern zunächst nach Osten, um am Vangapenzya-Fluss nach Süden abzubiegen. Natürlich werden wir auf dem Weg alle Gänse mit dem Teleskop durchmustern, ob vielleicht Trinus unter ihnen ist. Durch die buckelige Tundra kommt man nur recht langsam voran. Zudem finden wir am Weg immer wieder Blessgansnester, die wir fotografieren und die Eier vermessen (mit Größe und Gewicht kann man später Lege- und Schlupfdatum errechnen). In einer Gruppe von 40 Blessgänsen finden wir zunächst einen markierten Vogel mit dem Halsring "J21 lime". Der Vogel rastet in der Tundra ohne Partner, hat aber einen vorjährigen Jungvogel dabei.
Um 15 Uhr erreichen wir die Position, an der Trinus vor drei Tagen angepeilt wurde. Es ist eine Hügellandschaft mit steilen Hängen und Seggenmooren in den Tälern. Hier rasten viele Blässgänse. Wir schätzen die Zahl auf 400 oder mehr Tiere. Die meisten halten sich in großen Trupps auf und fliegen schon auf große Distanzen auf. Dies erschwert die Suche nach dem Sendervogel, der keinen Halsring trägt, erheblich. Trinus finden wir nicht. Doch wenige Meter neben der gemeldeten Position finden wir die Blessgans mit dem Code "HPL black", die hier neben dem Weibchen am Nest (3 Eier) sitzt und wacht.
Wir suchen in der Umgebung bis 17 Uhr. Das Wetter wird schlechter und immer wieder ziehen dichte Nebelfronten durch. Die Aufnahmen zeigen wie es zu dem Zeitpunkt in Trinus Rastgebiet aussah. Ob er dort noch zur Brut schreitet, wird man in den kommenden Wochen anhand der Bewegungen des Vogels überprüfen können. Evtl. kehrt dann ein Team erneut an diesen Platz zurück.

Schon die Kinder gehen mit auf die Gänsejagd

Nenets und Rentiere

Ursprünglich war Kolguev eine unbesiedelte Insel. Erst Ende des 19. Jahrhunderts brachte ein Kaufmann aus Archangelsk Rentiere und einige Familien vom Volk der Nenets nach Kolguev, um dort eine Rentierzucht aufzubauen. In den 1960er Jahren wurden dann weitere Nenets auf Kolguev angesiedelt, die den Atomversuchen auf Nowaya Zemlya weichen mußten. In zwei "Brigaden" ist die Rentierfarm von Kolguev organisiert. Jeweils 12-15 Nenets folgen mit ihren Familien den Rentieren auf ihrer jährlichen Wanderung . Sie wohnen in Hütten, die überall am Wanderweg errichtet wurden. Im Frühjahr jagen sie die ankommenden Gänse und sammeln auch Eier aus den Gelegen. Ob es einen Einfluss der Einwohner von Kolguev auf die Gänsepopulationen gibt und wie groß dieser ist, ist eine Fragestellung des Projektes.
Rentiere stellen einerseits eine Konkurrenz der Gänse um das Futter dar, andererseits stehen sie in dem Ruf, auch Gelege von Vögeln zu fressen. Die vielen kleinen, halbwilden und wilden Herden im Untersuchungsgebiet wurden daher nicht immer mit Freude gesehen.

Bildergalerie Rentiere

"Toilet-Beans"

An aufgeregtes Saatganspaar findet seinen Brutplatz besetzt

Es ist der 5. Juni frühmorgens. Wir werden durch aufgeregtes Geschnatter aufmerksam und schauen nach draußen. Ein Paar Saatgänse sitzt nur etwa 30m vom Camp entfernt. Offenbar sind sie gerade erst angekommen und finden nun ihren Brutplatz von uns besetzt. Empört schnattern sie und wissen offenbar nicht, was sie davon halten sollen.
Am Abend des 7. Juni entdecken wir das Nest der Saatgänse, das sie nur etwa 8m vom Toilettenzelt am Rand eines Weidenbusches gebaut haben. Es liegen zwei Eier darin und die Gans brütet bereits. Der Ganter sitzt vorsichtig abseits.
Leider lässt sich nicht verhindern, dass Gans und Ganter immer wieder abfliegen, wenn ein Teammitglied in das kleine Zelt muss. Jedesmal werden die Eier vorsichtig mit den Nestdaunen zugedeckt, damit keine Raubmöwe oder ein Fuchs das Nest entdeckt. Tatsächlich lernt die Gans sehr schnell, dass wir auf ihre Eier aufpassen und wird immer vertrauter. Zuletzt können wir ungehindert am Nest vorbeigehen ohne dass der Vogel flieht. Nur das Männchen ist vorsichtig. Nach vier Tagen kehrt es nicht auf seinen wichtigen Wachplatz zurück.
Am Morgen des 15. Juni um 4:00 werden wir durch aufgeregtes Schreien geweckt. Eine Saatgans sitzt neben unserem Küchenzelt und ruft. Wir halten sie für das abwesende Männchen. Erst nach dem Frühstück finden wir das Nest unserer Saatgans verlassen vor. Die Eier sind verschwunden. Offenbar hat ein Fuchs die brütende Gans gefunden und von ihrem Nest vertreiben können, so dass er die Eier erbeuten konnte. Die geringe Zahl von Gänsegelegen in diesem Frühjahr macht offenbar den Fuchs so mutig, dass er selbst vor unserem Camp nicht zurückweicht. Wäre der Ganter auf seinem Posten gewesen, hätte er vermutlich das Schlimmste verhindern können! Doch beobachtet wir zunehmend Gänsenester ohne Ganter im gesamten Gebiet. Die Vögel, deren Konditionsindex wir bestimmen, machen keinen guten Eindruck. Offenbar ist die Nahrungssituation sehr schlecht und die ohnehin nicht so fetten Ganter müssen ihre Position am Nest verlassen, um nach Futter zu suchen.

Abseits wacht das Männchen
Im Gebüsch versteckt liegt das Nest
Der Ganter verteidigt Gans und Nest
Blessgänse brüten auf Kolguev in der höchsten Dichte der Westpalearktis

Kolguev - Insel der Gänse?

Wildgänse sind wichtige Brutvögel Kolguevs, doch sie sind keineswegs die häufigsten Vögel der Insel. Die häufigste Vogelart ist vermutlich die Spornammer, die in fast allen Habitaten überall auf der Insel vorkommt. Eine weitere sehr häufige Art ist das Moorschneehuhn. Man trifft sie überall auf der Insel. Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Vogelarten auf Kolguev, von denen eine Auswahl als Bildergalerie vorgestellt werden soll.
Hier kommen Sie zur Bildergalerie.

Die Neuankömmlinge springen aus dem Helikopter

Teamwechsel in Windeseile

21.Juni. Aus Nayarn-Mar wurde uns am Vorabend gemeldet, der Hubschrauberstart wäre für 9 Uhr bestätigt. Wir errechnen also, dass er etwa zwischen 11 und halb zwölf eintreffen müßte. Kurz nach 11 Uhr können wir bereits den Fluglärm hören. Nach fünf Minuten kommt er selbst in Sicht. Eine kleine rotweiße Fahne am Banya-Zeit weist dem Piloten die Windrichtung, das Gepäck liegt am ausgewählten Landeplatz. Der Helikopter fliegt eine Runde über das Tal, dann fliegt auf den Landeplatz zu.
Noch ist er nicht richtig gelandet, da springt ein Crew-Mitglied heraus und prüft mit einer Stange, ob der Boden auch wirklich hart genug ist. Dann setzt der Hubschrauber auf und bei laufendem Rotor springen die Passagiere heraus, das Gepäck wird im Laufschritt ausgeladen. Eine Begrüßung ist im ohrenbetäubenden Krach der Rotoren nur mit Handzeichen möglich, der Versuch, einige Worte zu wechseln ist zum Scheitern verurteilt. So vollzieht sich der Wechsel bei dem Helmut das Camp verlässt, Nicole, Aljona, Igor und Jari angekommen innerhalb von weniger als zehn Minuten. Der Abschied fällt kurz aus und schon ist der Hubschrauber wieder in der Luft.

Mitgefilmt: der Abschied

  • Video: Der Hubschrauber landet beim Camp, die Kamera ist im Sturm des Rotors kaum zu halten. Sehen Sie die Landung des Hubschraubers.
  • Video: Abflug des Hubschraubers. Sehen Sie das neue Team und den Flug über den Pechanka-Fluss hier.
In einem leeren Helikopter haben alle einen Fensterplatz!

Tobseda im Nebel

Der Helikopter fliegt ab und lässt das Camp hinter sich. Schon nach wenigen Kilometers lässt uns das ohnehin mäßige Wetter in Stich. Wir fliegen durch dicke Wolken und von der Insel selbst sieht man nicht mehr viel. Über dem Meer steigt der Hubschrauber auf und fliegt über den Wolken. Erst an der Küste sieht man ein Ende der Wolkendecke. Leider reicht der Nebel über die Küstenlinie hinweg und Tobseda liegt wie verschluckt irgendwo in den grauen Schwaden. Der Hubschrauber kreist viermal über der Position, wo sich nach den GPS Koordinaten das Dorf befinden müsste. Nichts zu sehen.
Doch die Piloten kennen sich aus. Sie fliegen einen großen Bogen bis sich ganz sicher über dem offenen Meer sind und tasten sich in geringer Höhe von etwa 20m nun langsam an den Strand vor. Kaum ist der Strand gesehen, steuern sie den Helikopter am Strand entlang bis Boote auf dem Sand anzeigen, dass Tobseda hier liegen muss. Und richtig: es kommen die ersten Häuser in Sicht. Ganz vorsichtig schwenkt der Hubschrauber ein und setzt auf dem mit bunten Kugeln gekennzeichneten Landeplatz auf.
Auch hier gibt es einen fliegenden Wechsel: Juri wird in diesem Sommer in Tobseda arbeiten. Prof. Rudi Drent verlässt nach fast fünf Wochen das Camp und fliegt mit nach Nayarn-Mar zurück.
Der erste Teil der Kolguev-Expedition 2007 ist beendet.

Fortsetzung folgt

Ende Juli kehrte Jari Kontiokorpi von Kolguev nach Finnland zurück und brachte Fotos und Berichte mit. Lesen Sie über den zweiten Teil der Expedition weiter.