Gänse, Karelien, Staub - Ladoga 2006

April / Mai 2006
Endlich wieder in Russland! Jetzt wird alles gut. Die Angst vor der Willkür an der Grenze ist vorbei. Sie hielt sich in Grenzen. Für die 21 Stempel haben wir zwei Stunden gebraucht, das ist ok. Auch die Schiffspassage von Travemünde nach Helsinki ging stressfrei. Die lange Strasse von Helsinki bis zur russischen Grenze sowieso. Jetzt liegen die Schlagbäume und die hohen Mützen hinter uns, die Strasse ist breit und schlecht. Alles wird grob. Endlich wieder in Russland...

Blessgänse ziehen über den Ladago-See nach Norden

Blessgänse
100 Jahre Nils Holgersson! 1906 beschrieb Selma Lagerlöf »Die wunderbare Reise des Däumlings Nils Holgersson mit den Wildgänsen«. Zwar heissen unsere Gänse nicht Martin oder Akka, sondern TNV oder K65 oder ZSH. Sie sind auch keine Graugänse und sie fliegen in die sibirische Tundra statt nach Lappland. Aber eine »Reise mit den Gänsen« war es doch, die uns nach Karelien, an den Ladoga-See und auf die staubigen Felder von Olonets führte. Eineinhalb Millionen Blessgänse gibt es weltweit. Sie leben »circumpolar«, in den Regionen rund um den Nordpol. Etwa 8000 der westlichen, sibirischen Poulation wurden in den letzten Jahren mit schwarzen oder grünen Halsringen markiert. Auf diesen Ringen steht eine Buchstaben-Nummern-Kombination – groß genug, um sie mit Spektiven ablesen und an eine Zentrale melden zu können. So entsteht allmählich ein Bild von den etwas komplizierten Zugbewegungen, die die Gänse im Laufe eines Jahres zu ihren arktischen Brutgebieten und zurück in die Wintergebiete vollführen. Möglichst viele von diesen Ringen abzulesen, das war ein Ziel dieser Reise.

Mit Spektiven kann man markierte Vögel identifizieren

Halsringe ticken
Morgens ab halb sieben bis etwa um neun geht’s. Danach kannst du es vergessen: die Luft flimmert zu sehr über den Weiden und Äckern. Erst abends um die gleiche Zeit geht es wieder. Es ist eh schon ein ziemliches »Augenfutter«, mit dem Spektiv die Gänseschwärme durchzumustern und vielleicht einen schwarzen Plastik-Halsring mit weisser Schrift zu entdecken. Und wenn du wirklich einen hast, dann musst du ihn erst mal richtig ablesen! Ist das jetzt ein V oder ein Y? 100 bis 200 Meter sind die Viecher weg, 3 bis 4 cm sind die Buchstaben hoch. Mensch, halt doch mal deinen Kopf hoch, damit man die anderen Zeichen erkennen kann! Nein, die Gans weidet weiter – mit dem Kopf unten. Jetzt rückt sie auch noch hinter eine andere und verschwindet langsam hinter der Grabenkante. Also, erst mal weiter gucken und hoffen, sie nachher nochmal zu finden.
Gut, sonst scheinbar nichts drin im Schwarm... Aha, da ist sie wieder! Ein Buchstabe, der grosse, steht immer aufrecht, wenn die Gans den Kopf hochhält. Die anderen beiden bzw. die Zahlen sind um 90 Grad gekippt und von oben nach unten zu lesen. Ein Z dort ist also kein Z sondern ein N. Und das C, ist das jetzt wirklich unten offen oder doch eher ein O? Ah, jetzt hat man es deutlich gesehen: NO. Also: es heisst VNO. Noch schnell die Entfernung messen, auf den Ernährungszustand schauen, Koordinaten nehmen, alles aufschreiben und weiter!
Gerade noch rechtzeitig, denn vom Wald kommt ein Seeadler herangerudert und treibt den ganzen Schwarm auf.

Wird eine Fläche angezündet, lässt sich das Feuer kaum kontrollieren

Springburning
Weil sie keine Verwendung für einen zweiten Grasschnitt im Spätsommer oder Herbst haben, lassen sie das Gras auf den Flächen stehen. Über den Winter wird es gelb und im Frühling wird es abgebrannt. Dieses Verfahren scheint uns ökonomisch nicht besonders und ökologisch gar nicht sinnvoll: wenn die Gänse zum Rasten ankommen, treffen sie auf viele brennende oder schwarze Flächen, aus denen erst nach vierzehn Tagen frisches Grün sprießt – mit hitzegeschädigten Spitzen. Viele Büsche und Bäume gehen mit in Flammen auf, die Masse der verbrannten Insekten und Kleintiere läßt sich kaum schätzen.
Das ist bei den Häusern anders: allein fünf lichterloh brennende Holzhäuser gab es in unserer näheren Umgebung, dazu einen vom Feuer zerstörten Transformator.

Der Ladoga-See ist Europas größter Süßwassersee

Ladoga Küste
Staubige »Wellblechpisten«, Kiefernwälder, eine wackelige Holzbrücke und am Ende – wir sehen schon den See und ein paar Häuser zwischen den Bäumen – ein hoher Zaun und ein offenes Tor. Ein Mensch tritt heran, noch jung, hochrotes, etwas verwildertes Gesicht, Bierdose in der Hand. Ja, natürlich: wir können gerne reinfahren und unser Picknick unter den Bäumen machen. Es scheint eine alte Feriensiedlung zu sein. » Basa otdicha« steht auf der Karte. Jetzt sind da Männer mit Booten und Netzen beschäftigt: Frühjahrsvorbereitungen von Fischern. Sie grüssen freundlich, als wir nach vorne zum Ufer gehen.
Und dann der weite stille See, dessen Eis sich langsam vom Ufer löst. Vögel sind auf dem Eis und in der Luft und irgendwie geht einem das Herz auf. Oder schnürt es sich zusammen? Etwas Grosses, Überwältigendes ist da, wie so oft in Russland und besonders im Norden. Tief durchatmen, schauen! Sogar unser Journalist meint, er müsse erst mal ein Stück allein am Ufer entlang gehen...
Ein anderer Ort: die Olonka-Mündung. Wir steigen aus dem Wald, vom Weg her, auf eine hohe Düne. Unter uns fliesst die Olonka die letzten Meter bis zum See. Sandige Ufer, auf denen Seeschwalben und Möwen sitzen. Und wieder der horizontweit verflimmernde See – diesmal mit ein paar Inseln, mit einem Fischadler darüber und keinen grossen menschlichen Spuren, soweit man schauen kann.

Ein staubiges Stück weiter im Nordwesten: die Tuloksa-Mündung. Wir wühlen uns mit Allrad durch den Sand zu einem fast mediterranen Platz unter niedrigen Kiefern, an dem wir später Tee kochen und »butterbrodui« essen werden. Aber erst einmal laufen wir zum Strand, finden viele Trichter von Ameisenlöwen, »ticken« die ersten Austernfischer der Reise und fotografieren zwei Ladoga-Robben, die schon sehr lange dort liegen. In der Flussmündung stellen ein Mann und eine Frau mit einem kleinen Aluboot Netze. Vielleicht sind die Robben in so einem Netz ertrunken. Wieder bleibt der Blick am Strand entlang an keinen störenden Objekten hängen.

Die Straßen in Karelien erfordern Aufmerksamkeit

Russische Strassen
In der Stadt heissen sie uliza, draußen auf dem Land doroga oder schossee, manchmal auch trassa oder marschrut. Lange Blicke in die Landschaft kann sich der Fahrer meist nicht erlauben: das nächste böse Loch oder eine gemeine Bodenwelle warten schon. Auch auf den meist breiten ungeteerten Rand sollte man ein Auge haben. Dort lauern die verlorenen Schrauben und Nägel und oft erstaunlich stabile Drahtstücke oder – besonders an den oft weit vom Ortsrand aufgestellten Ortsschildern – die Milizionäre, die gerne mit ihren Laserpistolen aus der Hüfte schiessen. Diesmal haben sie uns nicht erwischt. Man muß sich einfach zwingen, so lange 60 oder auch 40 zu fahren, bis das Schild kommt oder sonst eine eindeutige Entwarnung.
In den Orten muß man besonders aufpassen. Dort sind die Strassen oft erbärmlich ausgefahren, verlorene Gullideckel sind durch lose Blechplatten ersetzt, Betondurchlässe sind vielleicht eingebrochen. Hunde, wackelige Fahrradfahrer oder Wodka-Adepten, Asphaltschwellen (»sleeping policemen«), 40-km-Schilder oder überraschende Traktoren sind zu beachten. Alles machbar, aber Aufmerksamkeit ist angesagt!

Die OMON-Polizisten bewachen während der Jagdzeit die Vogelschutzgebiete

OMON
»Otrjad Milizii Osobowo Nasnatschenija« heisst eine Spezialeinheit der Polizei, die für besondere Aufgaben wie Terrorbekämpfung und Ähnliches vorgesehen ist. Meist von etwas martialischem Aussehen, mit halbautomatischen Waffen und dem netten kleinen Ausweis. Wir hatten mit ihnen zu tun, als für ein paar Tage die Jagd im Gebiet offen war und sie für die Kontrolle der Jäger zuständig waren. Da wir einen »propusk« hinter der Windschutzscheibe hatten, eine Genehmigung für die gesperrten Gebiete, waren wir legitimiert. Sicher 10 Mal haben sie uns kontrolliert. Ab und zu wollten sie durch unsere Spektive schauen. Eigentlich ganz nett.Aus Petrosavodsk hörten wir dann etwas Seltsames: just an dem Tag, an dem die OMON-Leute in ein anderes Gebiet abkommandiert waren, tauchte im Schutzgebiet eine grosse Gruppe von Jägern auf und schoß Gänse und einiges mehr...

Zahlreiche Gänse wurden in den Tuksa Field abgeschossen

Ochotniki, Jäger
Vom 1. bis zum 10. Mai war die Jagd auf Gänse offen. Da der 1. ein Montag war, reisten sie schon am Freitag zuvor an. Bis zum Abend zählten wir in den Feldern um Tuksa über dreißig grosse Geländewagen aus Moskau und St. Petersburg. Zelte, Bierbänke, Wasserkanister, Wodkakisten, Kocher und sonstige Outdoor-Equipments wurden entfaltet, Lockvogel-Attrappen wurden in die Stellung gebracht, die ersten Schüsse knallten.
Einige von unserer Gruppe fahren jeden Tag durchs Gelände, um zu schauen, was die edlen Waidmänner so erlegen. Unerwarteter Weise freundlicher Empfang und keine Geheimnistuerei, was die Beute betrifft. Auch illegal oder unnötig erlegte Vögel werden vorgezeigt: Brachvögel, Kiebitze, Bekassinen, Birkhühner und div. Enten liegen neben den Gänsen um die Lager herum – viele noch, als die Herren nach ein paar Tagen wieder abgezogen sind.

Die traditionellen karelischen Dörfer sind oftmals verlassen

Karelisches Dorf
Schon bei der Einfahrt nach Bolschaja Selga können wir sehen, daß dieses Dorf anders ist. Die Strasse ist nicht asphaltiert, dafür halbwegs gepflegt. Kein Müll, keine verbogenen und verrosteten Schilder, keine Autowracks. Die stattlichen Holzhäuser unverbaut und mit schönen Schnitzereien, nur wenige sind eingefallen und schief. In den Gärten die ersten Blumen und Gemüsebeete.
Wir halten am Dorfplatz und Sascha fragt eine Frau, was es mit dem Dorf auf sich hat. Das ist dann weniger romantisch: in den ca. fünfzig Höfen wohnen insgesamt noch dreissig Menschen – ausschließlich alte. Es gibt keine Schule mehr, keine Kinder, keinen Laden. Zweimal die Woche fährt ein Bus nach Olonets, einmal kommt ein Laden auf Rädern, manchmal ein Privatmann mit Fisch oder Kartoffeln. Und das Haus da oben, das grosse: da wollen »sie« ein Museum einrichten. Ja, manchmal kommen Touristen mit Bussen, die sich für die Häuser interessieren und ein paar, die Häuser kaufen wollten, waren auch schon mal da.
Bei der Weiterfahrt muß ich an Dutzow denken, ein Dorf am mecklenburgischen Ufer des Schaalsees, das Christoph und ich vor der Abfahrt besucht haben. Dort haben Rechtsanwälte und Ärzte und Architekten und andere Wohlhabende die grossen Reetdach-Höfe gekauft und restauriert.

Russlands Feldwege sind eine Prüfung auch für Geländewagen

Eine Radmutter für den Landy
Scheint ein bekanntes Phänomen zu sein, daß sich die Radmuttern am Landrover gelegentlich lockern. Besonders bei den grossen Alufelgen. Wir wussten nichts davon. Irgendwer sieht plötzlich, daß am rechten Hinterrad vier Muttern ein paar Millimeter herausstehen.Und daß eine ganz fehlt! Aber Boris kennt da jemanden in Olonets! Der bekommt eine Mutter als Vorlage und eine Flasche Wodka und dreht und fräst aus einem guten Stück russischen Stahl eine neue. Passt wie angegossen. Ein kleines Kunstwerk.
Als wir den Jäger aus Moskau mit seinem Black Landy nochmal treffen, den wir vorher schon einmal gefragt hatten, ob er vielleicht eine Mutter übrig hat, hält er uns an und bietet eine der Muttern von seinem Reserverad an. Wir zeigen ihm stolz den russischen Nachbau und fast etwas verschämt meint er, daß wahrscheinlich die Qualität nicht so besonders sei. Also bekommt er ihn fürs Reserverad und wir von ihm eine originale. „Great idea“, meint er.

Große Steine finden sich überall am Ufer des Ladoga

Zum grossen Stein
Von Pogrankondushi aus – da steht ein schwankender Beobachtungsturm – haben Christoph und ich Gänse auf dem Eis des Ladoga-Sees gesehen – sehr weit weg. Einen fahrbaren Weg zur Küste gibt es dort leider nicht. Also: Rucksack, Spektiv und Stativ, Gummistiefel, GPS, zwei Äpfel und durch die Taiga zur Küste. Das ist mühsam. Auf dem vielen Wasser zwischen den Stämmen schwimmt noch Eis, die Höhe der Gummistiefel reicht knapp.
Als der Wald lichter wird, stossen wir auf eine halb in die Erde gebaute, ziemlich verborgene Hütte. Alles sieht nach Einsiedler aus, doch es ist keiner zu Hause. Ein romantischer Platz – nicht weit vom See-Ufer. Vor der Hütte, die Böschung zum Bach hinunter, ein riesiger Müllhaufen aus Dosen, Wodkaflaschen und Plastik.
Durch die letzten Büsche treten wir auf den menschenleeren, atemberaubend weiten Strand. Der See ist vereist, so weit das Auge reicht. Nur in Ufernähe ist schon ein Streifen offenes Wasser. Darin schwimmen laichende Moorfrösche. In sandigen Rinnen läuft das Schmelzwasser aus dem Wald in den See. Die kleinen Mündungstrichter sehen aus wie Satellitenaufnahmen vom Yukon oder der Lena.
Wir gehen nach Norden, in Richtung der Gänse, die wir auch bald entdecken: ein grosser Trupp Blessgänse, der auf dem Eis rastet.

An dem kleinen Kap vor uns liegen Eisschollen meterhoch aufgetürmt, dazwischen ein sehr ebenmässiger, LKW-grosser Stein aus rötlichem Granit. Mir fällt ein, daß ich ihn schon auf einem Foto gesehen habe, irgendwo im Internet. Und wirklich: zufällig sind wir zu der Stelle gelangt, wo einst Russland und Finnland aneinander grenzten. Der Stein am Ufer – »Varashev’s stone« – markierte wahrscheinlich die Grenze. Zahlen und Zeichen sind in die glatten Flächen eingemeisselt: ein Kreuz im Kreis, alte Jahreszahlen, die wir nicht lesen können und eine neue, eindeutige. 251 A 1934 steht da.

Die Taiga ist außergewöhnlich abwechslungsreich

Nacht in der Taiga
Vielleicht hätten wir Sascha nichts davon sagen sollen, daß wir im Wald hinter Nurmolitzi eine Auerhenne gesehen hatten. Irgendwie meinte er nun, daß sicher nicht weit davon ein Balzplatz der Hähne sein müsste und daß wir dort hinlaufen und in der Nähe übernachten sollten, um am nächsten Morgen ganz früh eine Auerhahnbalz erleben zu können. Auf seiner Satellitenkarte im Laptop entdeckt er auch sogleich einen Platz, der »ziemlich sicher« ein Balzplatz sein könnte. Also brechen wir am Abend auf mit einigem Gepäck und viel Zuversicht, fahren noch ein Stück über die Andeutung eines Waldweges und schultern dann die Rucksäcke. Sascha wirft sein E-trex an und wir gehen in die karelische Taiga – Marschrichtung 300°. Das Frühjahrswasser steht noch hoch zwischen den Bäumen. Wir müssen waten und Umwege machen, auch um ein grosses Hochmoor mit Namen Matti herum. Manchmal gibt es trockenere Stellen und Schneereste. Elchlosung überall. Der Wald ist dicht und gleich und unübersichtlich. Ohne GPS oder Kompass würden wir uns verlaufen. Nach drei oder vier Kilometern erreichen wir »die Stelle« – weit weit weg vom Beobachtungsort der Henne. Sascha ist begeistert: genauso sehen die Balzplätze aus. Nur Spuren von den Hähnen fehlen noch und wir finden auch keine.
Jetzt ist aber die Sonne endgültig untergegangen: es wird Zeit für eine Schlafplatzsuche. Da, wo ein paar Fichten zusammen stehen, ist der Boden etwas höher und trockener. Also: Isomatten, Schlafsäcke, ein kleines Feuer, ein paar Scheiben Brot und ein Tee. Ich finde keine gute Schlafstellung und schnarche angeblich und höre nichts von den Zwergschnepfen am Morgen und auch keine Auerhähne, was aber daran liegt, daß keine da sind.
Der Rückweg bringt die Erkenntnis, daß man sich auch mit einem GPS verlaufen kann. Außerdem einen kleinen Haufen Flughörnchenkot, viele schöne Vogelstimmen und zugewachsene Schützengräben.

Begeistert beobachten wir die balzenden Schnepfen

Doppelschnepfen
Es ist einfach toll, mit Ornithologen unterwegs zu sein, die ganz wache Instinkte für »richtige« Orte, Zeiten und Vogelarten haben.Wir sind irgendwo südlich von Olonets unterwegs in den endlosen, langsam wieder zuwachsenden Weiden und Wiesen. Nach Gänsen wollen wir Ausschau halten und einen vorsichtigen Blick auf den riesigen alten Steinadlerhorst werfen, den Zimin uns auf der Karte markiert hat. Das Land ist menschenleer, wir quälen uns durch endlose Schlaglöcher und über staubige Rüttelpisten. Und dann gibt es plötzlich eine Stelle, an der wir einfach anhalten müssen. Eigentlich ist da nichts Besonderes: der Weg macht einen rechtwinkligen Knick, ein Waldrand ist da, ein paar Heuballen vom letzten Jahr, ein alter Entwässerungsgraben, Biberspuren und gelbes Gras. Hier könnten welche sein! Als die Motoren still sind, hören wir die Brachvögel trillern und Kiebitze weiter weg. Eine Sumpfohreule fliegt an der Heckenreihe entlang und dann ruft wirklich die erste Doppelschnepfe. Das ist eine der seltsamsten Vogelstimmen, die es gibt: ein helles Klicken und Zwitschern, ein Geräusch wie von Kugeln, die immer schneller aneinander schlagen, ein Wimmern und dann wieder Stille. Ich muß an Wal- oder Delphinlaute denken.
Mit den Ferngläsern entdecken wir sie jenseits des Grabens, eine ganze Gruppe, im hohen Gras intensiv balzend. Aussehen tun sie wie Bekassinen, nur ein Stück größer – der Name kommt aus der Jägersprache...
Ein unbeschreibliches Wohlgefühl breitet sich in uns aus.


Matthias Fanck